Archiv für Kategorie ‘Wirtschaft’:

Die älteste U-Bahn auf unserem Kontinent

Freitag, 28. November 2014

Die älteste U-Bahn ist die Londoner. Doch Britannien ist eine Insel und zudem stärker nach Amerika orientiert als in Richtung Europa. Daher liegt die Frage nahe: Welche U-Bahn ist die älteste auf dem Festland unseres Kontinents? Heute vor 195 Jahren wurde sie eingeweiht.

Bei der Eröffnung war sogar Kaiser Franz Josef extra aus Wien angereist. Zweck des unterirdischen Verkehrsmittels sollte sein, eine möglichst rasche Verbindung von der zentralen hauptstädtischen Verkehrsader Andrássy út zum Széchenyi-Bad zu schaffen. Das mondäne Gebäude, mitten im Wäldchen an der Peripherie gelegen, beherbergte seinerzeit die Milleniumausstellung zu Ehren der Gründung des Landes anno 969.

Sollten Sie jetzt auf Ungarn und Budapest getippt haben, liegen Sie richtig! Um Ihnen einen aktuellen Eindruck der örtlichen Unterwelt zu vermitteln, sei Reinhold Vetters im Christoph Links Verlag erschienene Länderkunde bemüht: „Die minutenlange Fahrt auf den überdimensionalen Rolltreppen hinab in die Unterwelt der U-Bahn etwa am Széll Kálmán tér, dem früheren Moszkva tér, ist mindestens so spannend wie ein Kinobesuch. Denn während man nach unten gleitet, registriert man auf der gegenüberliegenden Treppe die unterschiedlichsten Gesichter: erschöpfte Werktätige nach getaner Arbeit und fröhliche Jugendliche aus der Alternativszene, alte Männer mit wallenden Bärten und Frauen in den Fünfzigern mit kunstvollen Frisuren, junge Herren in Macho-Pose und junge modebewusste Damen. Die meisten nutzen die Fahrt, um die Entgegenkommenden aufmerksam zu mustern.“

Apropos Kinobesuch: Ausschließlich im Budapester U-Bahn-System spielt der ungarische Thriller Kontroll, ein preisgekröntes Meisterwerk über einen Konflikt zwischen unerbittlicher U-Bahn-Ordnungsmacht und passionierten Schwarzfahrern. Zur Inbetriebnahme schrieb damals im Überschwang ein Journalist der Hauptstadtgazette Budapesti Hírlap, die verschwitzten Budapester Bürger würden in den Waggons der U-Bahn nach Abkühlung suchen und möglicherweise dort sogar ihre Ferien verbringen. So ganz falsch lag der Schreiber der optimistischen Zeilen nicht …

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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13 Minuten fehlten, um Hitler zu töten

Freitag, 7. November 2014

„Was wäre, wenn …?“ ist eine Frage, mit der sich Historiker nicht befassen. Sie haben genug damit zu tun, die Welt zu beschreiben, wie sie ist. Das Rad der Geschichte, argumentieren sie, lässt sich nicht zurückdrehen.

Manchmal lohnt es sich aber, es festzuhalten. Ein geeigneter Zeitpunkt wäre der 8. November 1939, morgen vor 65 Jahren. An diesem Tag, um 21 Uhr 20, geht in München eine Bombe hoch. Tatort ist der Bürgerbräukeller, in dem sich wie jedes Jahr führende Nationalsozialisten versammelt haben.

Die Explosion ist gewaltig. Sie hat im großen Saal des Gebäudes eine Säule zerborsten, ein Loch in die Decke gerissen und den Teil, der sich über dem Rednerpult befand, zum Einsturz gebracht. Auch der Kronleuchter ist abgestürzt. Unter den Trümmern liegen 3 Tote und 21 Schwerverletzte, von denen 4 in den nächsten Stunden sterben und einer die folgende Woche nicht überleben wird. Weitere 47 Gäste kommen mit leichteren Blessuren davon.

Weder unter den Toten noch unter den Verletzten ist derjenige, dem der Anschlag offensichtlich gegolten hat. Adolf Hitler hat vor wenigen Minuten seine Ansprache beendet und mit seiner Entourage den Bürgerbräukeller verlassen. Das war so nicht geplant. Das schlechte Wetter zwang Hitler, eine halbe Stunde vorher zu beginnen und eine Stunde früher als ursprünglich beabsichtigt aufzuhören.

Statt des Fliegers musste der Führer den Zug Richtung Berlin nehmen. Der Bombenleger war Einzeltäter. Der Antifaschist Georg Elser hatte nur ein Ziel: den Zweiten Weltkrieg zu verhindern. Als er mit den Vorbereitungen zum Attentat begann, herrschte noch ein trügerischer Frieden. Dass er nicht halten würde, war Elser spätestens nach dem Verrat des Westens an der Tschechoslowakei und dem Bruch des Münchner Abkommens (siehe unseren Newsletter vom 28. Oktober 2008: Ein Staat, der nicht lange existierte) durch Nazideutschland klar.

Elser zog Anfang August nach München. Tagsüber bemühte er sich, nicht aufzufallen. Abends pflegte er im Bürgerbräukeller zu speisen. Nachts ließ Elser sich einschließen. Nach Bezahlen seines Verzehrs ging er durch den Garderobenraum über eine hintere Treppe auf die Galerie und versteckte sich in einem Abstellraum. Dort wartete er, bis die Gaststätte abgeschlossen war.

Da kein Wachmann die Runde machte, konnte Elser bis morgens um sieben, als Saal und Gaststätte wieder geöffnet wurden, in Ruhe arbeiten. Am 6. November war er fertig. Die große Säule neben der Rednertribüne hatte er mit einem Handbohrer ausgehöhlt und mit Dynamit gefüllt. Den Zeitzünder stellte er auf den 8. November, 21 Uhr 20.

Elser wurde beim Versuch, die Schweizer Grenze zu überqueren, verhaftet. Er landete in Gestapo-Haft und nach monatelangen Verhören im KZ Dachau. Dort wurde er am 9. April 1945 ermordet. Einen Elser-Gedenktag gibt es für den Hitler-Widersacher der ersten Stunde nicht.

Wohl aber wird jeden 20. Juli an Stauffenberg und die Offiziere erinnert, die lange Zeit Hitlers Parteigänger waren und sich erst gegen ihren Führer erhoben, als sich Deutschlands Niederlage im Krieg abzeichnete.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Der jüngste Kanton der Schweiz

Montag, 22. September 2014

Als letzte Kantone der Schweiz, hieß es vor einiger Zeit in diesem Newsletter, seien Genf, Neuenburg und Wallis der Eidgenossenschaft beigetreten (siehe unsere Ausgabe vom 30. Juli 2014: Bundesfeiertag statt Nationalfeiertag). Das mag sein, doch der jüngste Kanton der Schweiz heißt Jura. Darauf machte mich unser Leser Werner Mathys aus Solothurn aufmerksam (siehe den Newsletter vom 12. Dezember 2011: Die 11 ist nicht nur Köln vorbehalten).

Das Territorium gehört zwar schon seit längerem zur Eidgenossenschaft, wenn auch unter anderem Namen. Am 24. September 1978 spalteten sich die französischsprachigen, katholischen Gebiete vom Kanton Bern ab. Jura hieß das 26. Mitglied der Confoederatio Helvetica und bestimmte das 11 000-Einwohner-Städtchen Delémont zu seinem Hauptort. Da in der Schweiz alles streng basisdemokratisch abläuft, mussten zuvor Volksabstimmungen auf regionaler (Westschweiz), kantonaler (Bern) und eidgenössischer (Gesamtschweiz) Ebene stattfinden.

Doch nicht immer ging es friedlich vonstatten. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern der Sezession, auch noch nach der Abspaltung, zumal die Gebiete des so genannten Bernerjura oder Südjura beim Kanton Bern verblieben waren. Zwar sprach sich die grosse Mehrheit der betroffenen Bevölkerung in einer Abstimmung für Bern aus, doch ausgerechnet im Hauptort des Bernerjura, Moutier, waren die Separatisten in der Überzahl.

Es kam sogar zu einem Sprengstoffanschlag auf das Gerichtsgebäude in Moutier, bei dem zum Glück niemand zu Schaden kam. Die bislang letzte Volksabstimmung zur Jurafrage fand 2013 statt - mit dem altbekannten Ergebnis. Weitere Urnengänge werden wohl folgen. Auch weitere Anschläge? Das perfideste Attentat ereignete sich am 3. Juni 1984. Er brachte alle bislang neutralen Schweizer gegen die Separatisten auf, so dass diese fortan als Juraterroristen bezeichnet wurden.

Was war geschehen? Ich verrate es Ihnen in der morgigen Ausgabe. Nur so viel: In die Affäre involviert war auch Shawne Borer-Fielding, die sehr blonde Miss Texas des Jahres 1995, die nach der Scheidung vom früheren Botschafter der Schweiz in Deutschland, Thomas Borer, ihren ersten Namensteil und ein wenig auch ihren guten Ruf einbüßte, letzteren jedoch in einer spektakulären Aktion wiederherzustellen vermochte.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Warum nicht mal über Geld reden?

Mittwoch, 17. September 2014

„Willst du den Wert des Geldes erkennen, versuche dir welches zu borgen.“ Das sagte Benjamin Franklin, US-Naturwissenschaftler, Politiker und Mitverfasser der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Zwei Jahrhunderte später, am 17. September 1978, führten die Sparkassen in der Bundesrepublik Deutschland den Dispokredit ein. Ein Weg in die Unabhängigkeit? Oder ein Abweg, der letzten Endes zur Unmündigkeit führt? Darüber lässt sich im Small Talk trefflich diskutieren.

Jedem Inhaber eines Lohn- oder Gehaltkontos wurde damals ein Überziehungskredit bis maximal 5000 D-Mark gewährt. Drei Jahrzehnte später zählt der Verein Creditreform in seinem Schuldneratlas 3,3 Millionen überschuldete Haushalte in Deutschland. Ob dies auch daran liegt, dass es fünf- bis achtmal so teuer ist, sich von einer Bank Geld zu leihen, als das Anlegen an Gewinn abwirft? Um so Vieles höher ist der Kreditzinssatz im Vergleich zu einem herkömmlichen Sparbuch oder selbst zu einem Tagesgeldkonto. Bestimmt hat Ihr Gegenüber im Small Talk eine Meinung dazu!

Sie können den Inhalt Ihrer Konversation auch an den Ursprung des Begriffs knüpfen: Kredit hat mit Vertrauen zu tun - Vertrauen in den Kreditnehmer, dass dieser eines Tages in der Lage sein wird, den Betrag zurückzuzahlen. Das Wort ‘Kredit’ lässt sich übrigens auf das lateinische credere zurückführen, das ‘glauben’ bedeutet; davon leitet sich ‘creditum’ als das auf Treu und Glauben Anvertraute ab. Auch das Credo hat dieselbe Wurzel, das Verb in der ersten Person, credo, heißt auf deutsch: Ich glaube.

Dichter und Schriftsteller bemühen gern den Zusammenhang von Geben und (Gott)Vertrauen: „Ein Wohltäter“, schrieb beispielsweise Friedrich Hebbel, „hat immer etwas von einem Gläubiger.“ Hebbels Kollege Hellmut Walters flüchtete sich in den Spott: „Was an die Stelle des Credo getreten ist - der Kredit!“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein Grundgesetz, das alle gut fanden – außer Bayern

Freitag, 23. Mai 2014

„Das Grundgesetz ist der Beichtspiegel der Nation.“ Dieser Satz stammt vom Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll. Was ist ein Beichtspiegel?, werden Sie vielleicht fragen. Nun, ein Beichtspiegel ist ein Büchlein, das den Katholiken zur Vorbereitung auf die Beichte dient, ihnen ihre Sünden – vor allem die schweren! – vor Augen führt und sie ihr Gewissen befragen lässt.

Heinrich Böll war katholisch, und die 1949 mit einer Demokratie und einer vorläufigen Verfassung ausgestatteten Deutschen hatten sich in der jüngsten Vergangenheit schwerer Sünden schuldig gemacht, die vor keinem Gewissen Bestand hatten. Das heute vor 65 Jahren verabschiedete Grundgesetz – erst mit dem Beitritt der ostdeutschen Länder zur Bundesrepublik erhielt es Verfassungsrang – half ihnen, anständig zu werden.

Das Grundgesetz war und ist, da würden sämtliche Kritiker zustimmen, die beste Verfassung, welche die Deutschen je hatten. Durchaus vorhandenen Unzulänglichkeiten, Lücken und Mängeln steht die Tatsache gegenüber, dass nie zuvor Würde und Achtung des Einzelnen so konsequent in den Mittelpunkt gestellt wurden (siehe auch unseren Newsletter vom 12. Juli 2012: Habeas Corpus).

Nicht von ungefähr beginnt das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit den Sätzen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Doch nicht alle Bundesländer fanden anfangs das Grundgesetz gut. Die Bayern weigerten sich, dem Verfassungswerk ihre Unterschrift zu geben. Hatten sie kein schlechtes Gewissen aufgrund ihrer Geschichte? Schon. Doch wollten sie auch ihre positiven Traditionen gewürdigt wissen. Schließlich war Bayern die längste Zeit ein unabhängiges Königreich. In der demokratischen Diktion hörte sich die bajuwarische Kritik so an: Der föderale Gedanke komme zu kurz, der Bundesrat solle mehr Gewicht bei der Verabschiedung von Gesetzen erhalten. Natürlich gestatteten die Bayern dem Grundgesetz auch in ihrem Land Rechtsverbindlichkeit, so weit ging der Separatismus dann doch nicht. Politik ist halt auch immer die Kunst, sich den Pelz zu waschen, ohne nass zu werden.

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Körperliche und militärische Ertüchtigung

Mittwoch, 21. Mai 2014

„Der Körper und seine Nerven sollen gegen Witterung und mancherlei Leiden gestärkt, seine Muskeln sollen bis zur möglichsten Fertigkeit zu allen natürlichen Bewegungen abgerichtet, seine Glieder dadurch gelenkig gemacht, seine Sinne geübt werden; kurz, die Maschine soll Dauer, Stärke, Schnellkraft, Gewandtheit erhalten und sich zu einem möglichst schönen Glanze entwickeln.“

Und wem steht solcher Glanz besonders gut? Einer Armee! Früher diente der Sport in erster Linie der Wehrertüchtigung. Auf den Gedanken, den Körper als Teil einer gut funktionierenden Maschinerie auszubilden, kam als einer der ersten der preußische Pädagoge Johann Christoph Friedrich GutsMuths.

Als er heute vor 175 Jahren starb, hatte er bereits einen Nachfolger gefunden, der seine Ideen fortführte und zum Erfolg brachte. Friedrich Ludwig Jahn (siehe auch unseren Newsletter vom 17. Juni 2011: Die Wölbung des Schnitzbuckels ) studierte Leibesübungen bei GutsMuths im thüringischen Waltershausen.

Zu Lebzeiten von Jahns Lehrmeister war das Turnen an öffentlichen Einrichtungen in Preußen noch verboten. Die Regierung in Berlin hob die Sperre erst 3 Jahre nach GutsMuths Tod auf. Auch dessen Empfehlung, Gymnastik- und Turnunterricht an Schulen einzuführen, wurde erst posthum angenommen. GutsMuths hatte seinen Vorschlag „als Pädagoge und als deutscher Patriot“ unterbreitet, doch erst Jahns Fürsprache stieß in einem zunehmend militarisierten Staat, dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Reihe entscheidender Kriege bevorstehen sollte, auf offene Ohren.

Spiele, hatte man in Preußen rechtzeitig erkannt und damit eine Anregung GutsMuths’ aufgegriffen, „sind nötig zur Erhaltung der Gesundheit, zur Stärkung, Übung, Abhärtung des jugendlichen Körpers.“ Gut auch, dass der Pädagoge seinem Lehr- noch den Nebensatz hinzufügte, dass „weder von Karten noch Würfeln und Hasardspielen die Rede sei, sondern einzig von Bewegungsspielen im Freien.“ Den Bewegungsübungen im Freien, erkannten soldatische Erzieher, konnte man bald militärische Manöver und wenig später ernste Kriegsspiele folgen lassen.

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Schweinekrone verschmäht, Aufstand ausgelöst

Montag, 12. Mai 2014

Am 27. März 1849 hatte, nach langen Beratungen, die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche die vorläufige Reichsverfassung angenommen. Gegen den Widerstand der radikalen Abgeordneten wählte sie den preußischen König zum deutschen Kaiser. Eine Abordnung begab sich nach Berlin, um Friedrich Wilhelm IV. die frohe Botschaft zu verkünden. Wie groß war die Enttäuschung, als dieser erklärte, er wolle keine Krone, die „mit dem Ludergeruch der Revolution“ behaftet sei, keine „Schweinekrone“, keine „Wurstbrezel, die nicht von Gottes Gnaden, sondern von Meister Metzger oder Meister Bäcker“ käme.

Die Kaiserwahl, fand der Monarch, sei keine Angelegenheit von Parlamentariern, sondern nur der Fürsten. Im fortschrittlichen Baden und in der Pfalz sah man dies etwas anders. Der Fußtritt des Monarchen machte die bereits zum Erliegen gekommene Revolution dort wieder mobil. Die Pfalz, zu Bayern gehörig, sagte sich von der Krone los und errichtete in Kaiserslautern eine demokratische Regierung.

In Baden brach heute vor 165 Jahren der dritte republikanische Aufstand innerhalb eines Jahres aus. In Offenburg wählten 30.000 Bürger in einer Volksversammlung einen Landesausschuss. Die neue Regierung wollte die Revolution auf das gesamte Reichsgebiet ausweiten. Aus ganz Deutschland, aus Frankreich und sogar aus Polen strömten Freiwillige nach Baden und in die Pfalz, um sich dem bevorstehenden Kampf gegen die Preußen anzuschließen.

In Neuwahlen wurde die linke badische Regierung bestätigt. Friedrich Wilhelms jüngerer Bruder, Prinz Wilhelm von Preußen (der spätere deutsche Kaiser Wilhelm I.), zog an der Spitze einer 55.000 Mann starken Armee gegen Baden.

Nach wechselvollen Gefechten gelang ihm schließlich der Sieg über die Aufständischen, nachdem die Festung Rastatt kapitulierte (siehe auch unseren Newsletter vom 17. Januar 2014: Doch kein polnischer Napoleon). Damit hatte sich die Revolution von 1848/49 in Deutschland erledigt.

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Marktwirtschaft ohne Adjektive

Freitag, 2. Mai 2014

Morgen vor 35 Jahren begann für Großbritannien eine neue Ära. Sie wurde nach der an jenem Tag ins Amt eingeführten Premierministerin getauft. Die studierte Chemikerin war die erste Frau in Europa, die es an die Spitze einer Regierung schaffte. Nach zweieinhalb Amtszeiten - am Ende der dritten war sie selbst für die Konservativen nicht mehr tragbar und wurde von ihrem Parteifreund John Major ersetzt - hatte Thatcher die britische Wirtschaft international wieder halbwegs konkurrenzfähig gemacht, dafür aber die Bevölkerung ihres Landes tief gespalten.

Ihre Vision war so klar wie ihr Kalkül kühl: In einer durch ökonomischen Wandel geprägten postindustriellen Gesellschaft würde es immer weniger Arbeiter und immer mehr Angestellte geben. Erstere besaßen zudem die unangenehme Eigenschaft, politisch links zu stehen. Würde man statt ihrer die Träger weißer Hemden bevorzugen, stünde am Ende eine Zweidrittelmehrheit der Bessergestellten dem verbliebenen unterprivilegierten Drittel gegenüber, um diesem bestenfalls die kalte Schulter, im Falle von Renitenz aber zu zeigen, wo der Hammer hängt.

Die britische Industrie war von unrentablen Dinos geprägt. Statt sie am Leben zu halten, gab die Premierministerin die Großbetriebe dem Verderben preis. Staatsunternehmen wie British Telecom, British Rail oder British Airways wurden ebenso privatisiert wie kommunale Wasserwerke oder städtische Busgesellschaften.

Legendär war der Konflikt der britischen Regierung mit den Bergarbeitern, jeweils personifiziert durch Margaret Thatcher und Gewerkschaftsführer Arthur Scargill (siehe auch unseren Newsletter vom 11. Januar 2013: Eine Million Pfund für die streikenden Bergarbeiter), die nach einem Jahr Streik ohne Ergebnis wieder in ihre Minen zurückkehren mussten, nur um in der Folgezeit den sukzessiven Abbau ihrer Arbeitsplätze zu erleben.

Zu erwartenden Konflikten auf der Straße wurde vorgebeugt, indem flugs 10 000 neue Polizisten eingestellt wurden. Neoliberale Politiker weltweit kopierten Thatchers Konzept der Marktwirtschaft ohne Adjektive, dem vor allem das Attribut ’sozial’ fehlte. Steigende Arbeitslosigkeit nahm der Thatcherismus teilnahmslos in Kauf. Dem sozialen Sprengstoff, den eine mit der Verarmung der unteren Bevölkerungsschichten einhergehende Konzentration des privaten Vermögens in den Händen einiger Weniger entstehen ließ, wurde entgegen lauthals verkündeter liberaler Prinzipien mit dem Einsatz staatlicher Gewalt begegnet.

Das beste Urteil über Thatcher stammt ausgerechnet von einem Mitglied ihrer Konservativen Partei: „Margaret Thatcher kann an keiner Einrichtung vorbeigehen“, fand der langjährige Tory-Abgeordnete Julian Crithley, „ohne mit ihrer Handtasche draufzuschlagen.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Liste der übelsten Plagiate

Freitag, 25. April 2014

Morgen ist der Welttag des geistigen Eigentums (siehe auch unseren Newsletter vom 26. April 2007: Piraten, die Produkte plündern).

Alljährlich kürt das Webportal www.plagiarius.de den dreistesten Diebstahl von Erfindungen und Erneuerungen. Die beiden übelsten Produktpiraten kommen, wenig überraschend, aus China. Angeführt wird die Hitliste der Unverschämtheiten von der in ansässigen Shenzhen PRT Import Export Company.

Die Firma hat das zur Behandlung von Zellulitis eingesetzte Stoßwellentherapiegerät ZWave des Neu-Ulmer Herstellers Zimmer Medizinsysteme GmbH haargenau nachgebaut. Den Platz direkt dahinter belegt die Wenzhou Haibao Company. Ihr Opfer ist der Hochdruckreiniger HD 6/15 C der baden-württembergischen Alfred Kärcher GmbH & Co. KG.

Die Redaktion dieses Newsletters findet gerade dies besonders bedauerlich, da Kärcher in seiner Politik durchaus Fairness bewiesen hat. Sicher erinnern Sie sich noch an einen besonders unglücklichen Ausspruch Nicolas Sarkozys. Angesichts der Unruhen in den Pariser Vorstädten kündigte Frankreichs damaliger Präsident an, die Problemviertel mit dem Hochdruckreiniger zu säubern. Auf Französisch: nettoyer au Kärcher.

Statt die Steilvorlage fürs Marketing zu nutzen, distanzierte sich Kärcher von der Aussage und empfahl Sarkozy, sich zuerst den sozialen Ungerechtigkeiten zu widmen, welche sicher auch eine der Ursachen für die Gewaltausbrüche gewesen seien. Sollten Sie demnächst einen Hochdruckreiniger benötigen, kaufen Sie ihn bitte bei Kärcher und nicht bei Wenzhou Haibao.

Diese Werbung entspringt, das versichere ich feierlich, einer ureigenen und nicht etwa aus Winnenden gesponserten Initiative. Bevor der Verdacht erhoben wird, der heutige Beitrag käme etwas nationalistisch daher, sei noch darauf hingewiesen, dass den dritten Rang in der Plagiarius-Schandliste eine Firma aus Deutschland ergaunert hat: Die Otto Oehme GmbH aus dem fränkischen Allersberg plagiierte das Wischmoppgerät Magic Click. Hersteller des Originals ist die Sprintus GmbH, die wie Kärcher im Schwäbischen beheimatet ist.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Albrecht von Waldstein

Dienstag, 24. September 2013

Der zweite Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 (siehe unseren Newsletter vom 23. Mai 2013: Der zweite Prager Fenstersturz) bildete den Auftakt zum Dreißigjährigen Krieg. Für Böhmen war dieser bereits im Herbst 1620 entschieden, in der Schlacht am Weißen Berg:

Am 8. November verloren die einheimischen Protestanten gegen ein dem Habsburgerkaiser Ferdinand II. unterstelltes katholisches Heer - und ihr Land für Jahrhunderte seine Eigenständigkeit.

temno, Finsternis, wird dieses dunkle Zeitalter bis heute auf Tschechisch genannt, und finster wurde es nicht nur für Angehörige der unteren Stände. Auch der reformierten Elite ging es an den Kragen. Beispielsweise am 21. Juni 1621, als 27 böhmische Adlige und Bürger auf dem Altstädter Ring in Prag einen Kopf kürzer gemacht wurden. Ein Dutzend der abgehackten Häupter blieben zur Abschreckung ein volles Jahrzehnt in Eisenkörben an der Steinernen Brücke ausgestellt.

Besser angetroffen hatte es ein heute vor 430 Jahren geborener böhmischer Edelmann. Albrecht z Valdštejna, Sprössling aus verarmtem tschechischen Landadel, hatte bereits als Zwölfjähriger beide Eltern verloren. Seine späteren Erfolgssaussichten weiter zu beeinträchtigen schien die strenge lutherische Erziehung durch einen Vormund. Ob sie ein wenig zu streng war? Volljährig geworden, begann der Zögling zu rebellieren und wechselte schließlich die Konfession.

Ausgerechnet ein Fenstersturz kam ihm der Legende nach zu Hilfe: Noch im Fallen soll der Jüngling die Mutter Gottes angerufen haben. Vielleicht war ihm auch nur der in Tschechien übliche Entsetzensausruf ješišmaria entfahren. Jedenfalls löste Albrecht das reale oder imaginäre Gelübde ein, was ihm bald auch weltliche Früchte eintrug: Auf Vermittlung eines Jesuiten ehelichte er eine reiche katholische Witwe. Obwohl gleichaltrig, starb Lukrezia Nekesch von Landek bereits 5 Jahre nach der Hochzeit. Für Albrecht war dies der Startschuss einer glänzenden militärischen Kariere. Aller materiellen Sorgen ledig, konnte er standesgemäß leben und sich überdies in die Politik einmischen. Als Offizier der siegreichen Armee wurde Albrecht von Kaiser Ferdinand später in den Herzograng erhoben.

Dabei half ihm auch der Umstand, dass er zuvor mit Isabella von Harrach die Tochter eines einflussreichen Ratgebers am Wiener Hof geheiratet hatte. Albrecht wurde Heerführer der Kaiserlichen in Norddeutschland und besiegte den protestantischen Dänenkönig, was ihm nebst einem schlesischen Fürstentum einen weiteren Herzogtitel - den von Mecklenburg - einbrachte.

Es folgten glanzvolle Siege, aber auch herbe Niederlagen. Dies allein wäre nicht so schlimm gewesen, hätte er sich nicht mit Ferdinand entzweit. Sein schlimmster Fauxpas war die Vereidigung seiner Offiziere auf sich selbst statt auf den Monarchen. In der Nacht zum 26. Februar 1634 wurde Albrecht von Waldstein von kaisertreuen Offizieren im böhmischen Eger ermordet. Moment mal, könnte ein Einwand an dieser Stelle lauten, hieß der Heerführer nicht Wallenstein? Schon möglich. Freilich nur in Schillers Drama …

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