Archiv für Kategorie ‘Wirtschaft’:

Der zwölfte Mann im WM-Finale

Donnerstag, 3. November 2011

Drei Tore schossen die Deutschen bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 gegen die Ungarn. Und kassierten 8. Am 20. Juni war das und ging als Opfergang von Basel – nicht in die Sportgeschichte ein. Ganz anders das Wunder von Bern 14 Tage später.

Bei der Niederlage in Basel handelte es sich nur um ein Vorrundenspiel, sodass der deutsche Kapitän Fritz Walter nach den 90 Minuten halbwegs erleichtert resümieren konnte: „Der Schiedsrichter pfiff ab – auch Katastrophen nehmen ein Ende.“

Im Endspiel trafen sich beide Teams wieder. Nach dem 8:3-Triumph waren die Ungarn diesmal haushoher Favorit. Doch traten die Deutschen in anderer Besetzung an. Zudem regnete es in Strömen.

Und hier kommt ein 12 Mann ins Spiel, der einen großen Anteil am überraschenden deutschen Erfolg hatte. Heute vor 111 Jahren wurde er in Herzogenaurach geboren. Dort befand sich auch seine Firma. Sie stattete die von Sepp Herberger trainierten Kicker mit ganz besonderen Fußballschuhen aus. Die waren mit Schraubstollen versehen und verschafften ihren Trägern bei tiefem, nassen Boden einen klaren Vorteil gegenüber ihren rutschanfälligen Gegnern.

Wer weiß, vielleicht wäre ein Schraubstollen tragender ungarischer Torwart Gyula Grosics noch an den Weitschuss des Helmut Rahn herangekommen, der den Deutschen das 3:2-Endergebnis bescherte.

Das alles konnte Adi Dassler egal sein. Seine Sportschuhfirma florierte fortan dank des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders im allgemeinen und der Teilhabe am Wunder von Bern im besonderen. Letzteres hat im kollektiven Gedächtnis der Fußballnation ebenso Platz gefunden wie das Unternehmen adidas auf dem Weltmarkt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Ärzte wehren sich

Dienstag, 13. September 2011

Über kaum einen Beruf kursieren so viele Witze, Bonmots und Anekdoten wie über Ärzte. Klar, dass sich die Zunft der Weißkittel irgendwann einmal wehren musste. Das tat sie heute vor 111 Jahren.

„Lasst uns eine feste, zielbewusste Organisation schaffen zum Zwecke einer energischen Vertretung unserer aufs Äußerste gefährdeten Interessen! Schließen wir uns fest zusammen, der Einzelne ist nichts, alle zusammen sind wir eine Macht.“

Der Forderung des Leipziger Mediziners Hermann Hartmann schlossen sich die Kollegen rasch an. Aktuell gehören dem nach dem Tod des Gründers 1923 in Hartmannbund umgetauften Interessenverband rund 60 000 Ärzte an. Deren politische Schlagkraft zu erhöhen ist eines der erklärten Ziele der Organisation. Davon zeugen zahlreiche gescheiterte Bundesgesundheitsminister.

Auch dem aktuellen Amtsinhaber dürften bereits Wochen vor seinem rituellen Auftritt beim Bundesärztetag die Knie geschlottert haben. Bezeichnend ist, dass Daniel Bahrs Vorgänger Philipp Rösler das Ministerium wechselte, sobald er neuer Vorsitzender der FDP war. Auch das Wirtschaftsressort, welches Rösler nun bekleidet, gilt nicht gerade als Erholungsheim; doch wird dort mit weniger harten Bandagen gekämpft als im Gesundheitswesen.

In einem immer mehr durch finanzielle Einschränkungen gebeutelten Sektor setzt sich der Hartmannbund hauptsächlich dafür ein, dass die freie und unabhängige ärztliche Berufsausübung nicht der Kostendämpfungspolitik zum Opfer fällt: Das Verhältnis Arzt-Patient soll weiterhin ein vertrauliches sein, möglichst unbelastet von Horrorvorstellungen wie Budgetierung, Wettbewerb und ökonomischem Wirtschaften.

Lobbyvereinigungen wie dem Hartmannbund wiederum wird seitens der Patienten und ihrer Kassen vorgeworfen, zur Wahrung von Besitzständen die moralische Keule zu schwingen. Und die Herren und Damen Minister, die gerade das Gesundheitsressort leiten müssen und das gesamte Wesen an Kommerzialisierung zugrunde gehen sehen, würden die laut jammernden Ärzte am liebsten an ihre Schweigepflicht erinnern.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die zwei Gesichter des US-Präsidenten

Freitag, 19. August 2011

Welche Person der Weltgeschichte, lebende eingeschlossen, hat die Welt am stärksten positiv verändert? Diese Frage stellte das Meinungsforschungsinstitut Emnid den Deutschen im Jahr 2005 (siehe unseren Newsletter vom 2. März 2006 Wer hat in der Weltgeschichte am positivsten gewirkt?).

Auf Platz 9 landete, noch vor Jesus Christus, ein ehemaliger US-Präsident, der heute 65 Jahre alt wird. Seine größte Leistung: Er befreite die Vereinigten Staaten von ihrer immensen Verschuldung. Leider machte sein Nachfolger George W. Bush dieses Werk wieder zunichte. Finanzielle Hauptlast waren die Kriege, welche die USA seit 2001 führte und immer noch führt. Soviel zur Politik.

Nun zur eigentlichen Aufgabe dieses Newsletters: dem Smalltalk. Sicher haben Sie schon erraten, dass es in der aktuellen Ausgabe um Bill Clinton geht. Er zählte zu den am stärksten beeindruckenden Staatsmännern in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, folgt man einer Studie der Duisburger Gerhard-Mercator-Universität: Psychologie-Professor Siegried Frey führte Testpersonen in Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten Videoclips von 180 Politikern vor. Der Ton war abgeschaltet, nur die Bilder zählten. Ergebnis: Die charismatischsten Politiker, die ihr Publikum mit ihrer Körpersprache und ihrem äußeren Erscheinungsbild auf Anhieb für sich einnahmen, waren Ronald Reagan, Bill Clinton und Gerhard Schröder.

Weniger positiv für Clinton fiel eine andere psychologische Studie aus. US-Wissenschaftler der University of Illinois in Chicago fanden heraus, dass sich bei Lügnern das Riechorgan verändert. Bei Täuschungsabsichten drängt, bedingt durch die Aufregung, mehr Blut in die Nase als üblich. Mit der Folge, dass sie zu wachsen beginnt. Zwar ist der Effekt kaum sichtbar, doch fassen sich Lügner öfter als üblich an ihre plötzlich juckende Nase.

Die Forscher analysierten auch Aufnahmen von Clinton, als er noch im Amt war und zu seinen sexuellen Eskapaden mit der Praktikantin Monica Lewinsky aussagte. Mr. President war auffällig einsilbig, blickte unsicher umher und fasste sich häufiger an die Nase als sonst. Für die Psychologen war dies der Beweis, dass Clinton in der Lewinsky-Affäre log.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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125 Jahre Automobil

Donnerstag, 11. August 2011

„Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Dieser Einschätzung Wilhelms II. schenkten seine Zeitgenossen vermutlich nicht viel glauben. Der Preußenkönig und Deutschenkaiser glaubte schließlich auch bis zu dessen Untergang, dass sein Reich den Ersten Weltkrieg gewinnen würde. Wie wir inzwischen wissen, strafte auch bezüglich der fahrbaren Untersätze die Geschichte den Großsprecher aus dem Hause Hohenzollern Lügen.

Im Jahr 2011 feiert die Automobilbranche ihr 125-jähriges Jubiläum. Am 29. Januar 1886 beantragte ein Dr. Carl Benz in Mannheim ein Patent für seinen dreirädrigen Motorwagen. Angetrieben wurde das Gefährt von einem Einzylinder mit einer dreiviertel Pferdestärke. Mittlerweile sind in Deutschland mehr als 50 Millionen Motorfahrzeuge zugelassen, die meisten davon weisen vier Räder auf. Nach Angaben des Automobilclubs ADAC besitzen 83 Prozent aller Haushalte hierzulande einen eigenen Pkw. Doch birgt der Siegeszug des Selbstfahrers auch etwas Kontraproduktives: „Das Automobil“, erkannte der frühere BMW-Chef Eberhard von Kuenheim, „ist so erfolgreich, dass es nur einen wirklichen Feind hat, nämlich sich selbst. Seine massenhafte Verbreitung ist eine Herausforderung an die Zukunft des Straßenverkehrs.“

Hier könnte Wilhelms II. Prophezeiung vielleicht doch noch in Erfüllung gehen. Vor allem, wenn er gesagt hätte: „Ich glaube an den Esel.“ Ein solcher aus Draht degradiert das Auto, zumindest in den Städten, immer häufiger zum Verkehrsmittel zweiter Wahl.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein umstrittener Manager

Dienstag, 9. August 2011

„Der wahre Grund für die Arbeitslosigkeit ist die Gleichgültigkeit – der Nichtbetroffenen“. Dieser bemerkenswerte Satz stammt von einem deutschen Manager, dessen Namen ich Ihnen erst am Ende dieses Beitrags verrate.

Heute vor 70 Jahren wurde er im saarländischen St. Ingbert geboren. Erste mediale Aufmerksamkeit erlangte der Sohn eines Völklinger Hüttenarbeiters als Personalvorstand von Volkswagen. Dort führte er die Vier-Tage-Woche ein, bei annähernd vollem Lohnausgleich. Das schaffte recht angenehme Bedingungen für die Beschäftigten und sorgte für neue Arbeitsplätze. Dem Unternehmen hat’s nicht geschadet. Warum sich der Manager das Wohlwollen der Belegschaft mit Schmiergeldzahlungen an die Betriebsräte erkaufen musste, bleibt sein Geheimnis. Dafür verurteilte ihn das Landgericht Braunschweig zu einer Bewährungsstrafe von 2 Jahren, kombiniert mit einer Strafe von mehr als einer halben Million Euro.

Das glimpfliche Urteil ließ einige Medienbeobachter schäumen, gerät aber angesichts ähnlicher Richtersprüche gegen vorteilnehmende und steuerhinterziehende Ex-Vorstandschefs wie etwa Klaus Zumwinkel allmählich in Vergessenheit. Nicht so unser Manager: Der schuf sich selbst im Jahr 2002 ein Denkmal. Von der damaligen Schröder-Regierung war er gebeten worden, den Arbeitsmarkt in Deutschland umzugestalten und die Vermittlung von Arbeitslosen zu optimieren. Sein Hauptgedanke war, die Bezahlung von Kräften, die länger als ein Jahr ohne Arbeit waren, unabhängig vom früher erzielten Lohn zugestalten. Die Einheitsvergütung von Langzeitarbeitslosen war geboren. Der Volksmund taufte sie im Namen des Erfinders: Hartz IV.

Die entwürdigenden Begleiterscheinungen, welche die Bezieher zuweilen in die Arme moderner Sklavenhalter, Zeitarbeitsfirmen genannt, und zur Annahme so genannter Ein-Euro-Jobs treiben, gehen freilich nicht auf Peter Hartz zurück. Das heutige Geburtstagskind hatte in seinem Konzept dem Prinzip des Förderns erheblich mehr Gewicht eingeräumt als demjenigen des Forderns.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die Mannschaft ohne Eigenschaften

Montag, 8. August 2011

Fußball ist ein – in exakt gleicher Form niemals wiederholbarer – künstlerischer Schaffensprozess mit stets ungewissem Ausgang. Diese Definition stammt vom Journalisten Harald Irnberger, der mit Die Mannschaft ohne Eigenschaften eines der besten Fußballbücher überhaupt geschrieben hat. Darin stellt der Österreicher ebenfalls die These auf, dass sich in diesem Sport gesellschaftliche Tendenzen nicht nur spiegeln, sondern vorweggenommen werden.

Die Globalisierung etwa hatte im Fußball längst Einzug gehalten, als der Begriff weder in der Wirtschaft noch in der Politik geprägt war. Real Madrid, der FC Barcelona, Inter und AC Mailand erzielten in den 1950er und 60er Jahren ihre großen Erfolge mit internationalen Stars aus Argentinien, Brasilien, Frankreich und Ungarn. Damals durften noch nicht so viele Ausländer in einer Mannschaft spielen wie heute. Die Vereine behalfen sich mit dem Mittel der Einbürgerung. Durch die Überschwemmung der einheimischen Ligen mit ausländischen Kickern hat der italienische, spanische und englische Fußball bereits einen guten Teil seiner Identität verloren. Den Rest besorgte das Gewinnstreben.

In erster Linie muss eine Mannschaft ökonomisch erfolgreich sein: Globaler Vertrieb von Fanartikeln, Verschachern von TV-Übertragungsrechten, geschickte Platzierung von Fußballspielern in der Werbung steigern den Wert der Stars. Davon profitiert auch der Verein, der, wenn schon nicht durch attraktive Spielweise, als Marke einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. Spitzenbegegnungen der europäischen Fußballligen werden in 150 Länder der Erde live übertragen, was wiederum eine kostenlose Werbung für die Artikel bedeutet, die an jeder Ecke des globalen Dorfs zum Verkauf aushängen.

Wirtschaftliches Kalkül trifft auf politische Gaunerei: Ein Florentino Perez investierte als Präsident von Real Madrid rund eine Milliarde Euro in neue Spieler. Möglich wurde dies durch unkontrollierte Schuldenaufnahme und den Verkauf eines vereinseigenen Trainingsgeländes an die Stadt zu einem grotesk hohen Preis. Den AC Mailand erkor sich Silvio Berlusconi als Spielwiese: Im Verein erprobte er die halb- und illegalen Methoden, mit denen er später auch den italienischen Staat unterwanderte. In England sind sämtliche Großklubs in der Hand ausländischer Milliardäre: Unter ihnen war der russische Besitzer des FC Chelsea der indiskreteste, bis ein Scheich aus Abu Dhabi Manchester City übernahm. Dessen Kollegen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten vereinnahmten Arsenal, Manchester United und der FC Liverpool sind in der Hand amerikanischer Investoren.

Der Fußball hat sich im Netz der Globalisierung verfangen, aus dem er so leicht nicht mehr freikommt. Schon gar nicht wird der Autor der brillanten Analyse, die auch noch in Jahrzehnten gültig sein dürfte, dies erleben: Am 8. August 2010 starb, 60-jährig, Harald Irnberger.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Warum die Luxemburger morgen doppelt feiern

Mittwoch, 22. Juni 2011

Morgen haben die Luxemburger gleich doppelten Grund zu feiern: Zum einen ist Fronleichnam. Dann erscheint unser Newsletter nicht, was freilich – schadenfrohe Assoziationen sollen erst gar nicht aufkommen – keineswegs der Anlass zur ausgiebigen Freude ist; eher schon die Tatsache, dass der nächste Small Talk-Tipp am Mittwoch, den 29. Juni, auf Sie wartet. Nein, die Freuden in unserem Nachbarland sind a) religiösen und b) staatsrechtlichen Quells.

Das Hochfest des Leibes und Blutes Christi ist in einem Land mit einem katholischen Bevölkerungsanteil von 87 Prozent eines der wichtigsten Daten überhaupt. Da kann der Nationalfeiertag, der in Luxemburg morgen ebenfalls begangen wird (siehe unseren Newsletter vom 23. Juni 2009 „Keine Lust, im Winter zu feiern“), nicht ganz mithalten: Er ist nur für 60 Prozent der Gesamtbevölkerung von Bedeutung. Das liegt am hohen Fremdenanteil im Großherzogtum. 40 Prozent der dort Lebenden sind Ausländer; vor allem Portugiesen, aber auch – in dieser Reihenfolge – Franzosen, Italiener, Belgier und Deutsche.

Ursprünglich war Luxemburg als Industriestandort für Gastarbeiter attraktiv. Um 1900 wurde in 76 Gruben Kohle gefördert und in 27 Hochöfen Roheisen hergestellt; von letzterem über eine Million Tonnen, was ein Viertel der Produktion des wesentlich größeren Ruhrgebiets entsprach. Allmählich sanken die Erträge. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts vollzog Luxemburg endgültig den Schritt in die Dienstleistungsgesellschaft. In der Industrie ist heute gerade mal jeder fünfte Arbeitnehmer beschäftigt. Sprüche, man sollte überflüssig gewordene Arbeitskräfte wieder in ihre Heimatländer zurückführen, hört man im Großherzogtum jedoch nicht. Dort ist der Wohlstand wesentlich gerechter verteilt als in den benachbarten Staaten, und auch die Integration der Ausländer gelang besser.

In dieser Hinsicht erfüllt Luxemburg eine Vorbildfunktion in Europa. Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden: Das Zitat stammt zwar von der Deutschen Rosa Luxemburg, besitzt aber in der kleinsten aller EU-Nationen die größte Bedeutung.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die erste Eisenbahnfahrt

Donnerstag, 9. Juni 2011

Die erste Dampfeisenbahn auf dem europäischen Kontinent fuhr in Belgien (siehe unseren Newsletter vom 5. Mai 2010 „Nie wieder Pferdetransport!“). Erfunden wurde das neue Verkehrsmittel, das die industrielle Revolution entscheidend vorantrieb, in Großbritannien. Sein Erfinder, heute vor 230 Jahren geboren, hatte zwar zeit seines Lebens mit Dampfmaschinen zu tun. Die erste, die George Stephenson zu bedienen hatte, stand jedoch in einer Kohlegrube im nordenglischen Darlington. Dort musste sich der aus ärmsten Verhältnissen stammende Zweitgeborene – beide Eltern konnten weder lesen noch schreiben – verdingen, um seinen eigenen Lebensunterhalt und den seiner Familie zu bestreiten. Es gelang ihm, sich emporzuarbeiten, bis er eines Tages selber die Grube leitete. Da hatte er bereits seine erste Dampflokomotive gebaut, die zunächst nur unter Tage eingesetzt wurde.

Am 27. September 1825 war dann die Freiluftpremiere: Ein Zug mit 38 Wagen, angehängt an eine von Stephenson konstruierte Lok, die er selbst lenkte, bewältigte die 12 Meilen lange Strecke von Darlington bis zum Nordseehafen Stockton ohne Zwischenfall. Die Waggons waren bunt zusammengewürfelt: Der Lok und dem mit Kohle und Wasser gefülltem Tender folgten sechs Güterwagen, von denen einige mit Kohle, andere mit Mehl beladen waren. Das hätte zwar keine bunte, aber eine schöne Schwarzweißmischung ergeben. Leider ist in dem Augenzeugenbericht nicht überliefert, ob an dem Tag der übliche starke Wind über der Grafschaft Northumberland brauste.

Nichts ausgemacht hätte ein Sturm den Betreibern der neuen Eisenbahn, die im überdachten und elegant gepolsterten Coupé Nummer sieben Platz genommen hatten. Es folgten 21 rustikalere Wagen, in denen Passagiere und Arbeiter untergebracht waren. Den Abschluss des Zuges bildeten wieder sechs mit Kohle beladene Anhänger. Immer wieder sprang unterwegs jemand auf, sodass bei der Ankunft in Stockton an die 600 im Zug saßen oder an den Waggons hingen.

Stephensons Pionierleistung wurde gebührend gewürdigt. Im Privatleben hatte er weniger Glück: Aus zwei Ehen blieb er als Witwer zurück, ein halbes Jahr nach Vollzug der dritten starb er selbst, 67-jährig, an einer Lungenentzündung.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die Kunst, sich die Hände zu waschen, ohne nass zu werden

Donnerstag, 19. Mai 2011

Die Kunst der Besteuerung besteht ganz einfach darin, die Gans so zu rupfen, dass man möglichst viel Federn bei möglichst wenig Geschrei erhält: Dieses Rezept, das heute noch jedem Staatshaushalt zugrunde liegt, stammt nicht erst aus dem 17. Jahrhundert.

Derart elegant in Worte kleiden konnte es wohl nur ein Franzose: Jean-Baptiste Colbert, Finanzminister König Ludwigs XIV. von Frankreich. Den absoluten Herrscher bewunderte in Berlin Friedrich II. von Preußen – und kopierte dessen Steuerprinzip: „Die große Kunst“, so der Monarch, der später den Beinamen „der Große“ erhielt, „esteht nur darin, die Summen zu erheben, ohne die Staatsbürger zu bedrücken.“ Diese Zitate kennt man natürlich auch bei den jeweiligen Bundesregierungen. Deren effizienteste steuerpolitische Maßnahme ist die Eintreibung der Mehrwertsteuer. Sie verschafft dem Staatssäckel beträchtliche Zusatzeinnahmen, und von ihrer Erhöhung sind alle Volksschichten gleichermaßen betroffen. Damit wäre sowohl der ökonomischen Notwendigkeit als auch der Steuergerechtigkeit Rechnung getragen.

Dennoch ist die Mehrwertsteuer unpopulär: Schließlich wird alles teurer. Wenn eine Bundesregierung, wie heute vor fünf Jahren, diesen Posten um gleich drei Prozentpunkte erhöht, kommt es eben doch zu der Reaktion, die schon Monsieur Colbert unbedingt vermeiden wollte. Interessant, aber leider weniger originell als früher sind die Rechtfertigungsversuche der modernen Politiker. „Es gibt keine Diät ohne Anstrengung“, kündigte der für die letzte Reform zuständige Finanzminister die geplante Erhöhung an. Und nach deren Vollzug bestätigte Peer Steinbrücks Parteifreund Kurt Beck: „Die Erhöhung der Mehrwertsteuer ist unumgänglich gewesen bei der Lage der öffentlichen Haushalte. Mir gefällt sie auch nicht.“

Keiner will schuld gewesen sein, dass bis auf die Ausreden alles teurer geworden ist.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Jobkiller oder Investition in die Zukunft?

Freitag, 29. April 2011

„Wer in der Arbeit bloß einen reinen Kostenfaktor sieht, dessen Preis so weit wie möglich gedrückt werden muss, der hantiert mit sozialem Sprengstoff, der rüttelt an den Grundfesten unserer Zivilisation.“

Das sagte ein inzwischen verstorbener Bundespräsident in seiner Antrittsrede am 1. Juli 1999. Diese Worte von Johannes Rau hätten auch jeder Rede zum 1. Mai gut zu Gesicht gestanden. Am Sonntag wird der Tag der Arbeit begangen, zu dem in allen größeren Städten die Gewerkschaften Kundgebungen einberufen. Eine Hauptforderung ist wieder einmal die Einführung eines Mindestlohns, möglichst flächendeckend und für alle Branchen. Da passt es gut, dass Joachim Möller, der Direktor des IAB, sich zu Wort gemeldet hat.

Sein Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ist der in Nürnberg ansässigen Agentur für Arbeit angeschlossen. Möller hat verkündet, dass Mindestlöhne keineswegs Arbeitsplätze vernichten. Der Volkswirt beruft sich auf Erfahrungen in Großbritannien. Auf der Insel gibt es seit elf Jahren einen gesetzlichen Mindestlohn. Und seit elf Jahren ist die Arbeitslosenzahl dort nicht gestiegen. Die bessere Bezahlung lockt mehr Menschen in eine Beschäftigung, viele offene Stellen sind daher nur für eine kurze Zeit vakant. Das Gemeinwesen und seine Steuerzahler profitieren ebenfalls: Niedrige Gehälter müssen nicht mehr durch staatliche Aufstockungen alimentiert werden. Das sehen inzwischen sogar die konservativen Tories so. Nur manche Bosse und ihnen nahestehende Politiker hierzulande ärgern sich - wegen der vermeintlich zu erwartenden niedrigeren Profite.

Das mag zunächst stimmen. Im Endeffekt wirkt sich der soziale Sprengstoff stärker aus: mittels Umlegung der durch seine Explosionen entstandenen Schäden, via erhöhter Steuerbelastung, auf unser aller Portemonnaie. So gesehen muss kein Unternehmer ein Opfer bringen. Mit dem Mindestlohn darf er vielmehr eine Investition in die Zukunft tätigen. Langfristig wird sie auch ihm Rendite bringen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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