Archiv für Kategorie ‘WM 2010’:

Als 200 000 Menschen plötzlich schwiegen

Freitag, 16. Juli 2010

Das Maracaná-Stadion von Rio de Janeiro ist das größte der Welt. Der Zuschauerrekord ist bis heute gültig und wurde vor exakt 60 Jahren aufgestellt. Offiziell 185.000, vermutlich aber mehr als 200.000 Zuschauer sahen das letzte Spiel der Fußballweltmeisterschaft 1950.

Die letzten Turniersiele wurden nicht im K.o.-System ausgetragen; im Halbfinale spielte jeder gegen jeden. Brasilien hatte Schweden und Spanien klar geschlagen, mit 7:1 beziehungsweise 6:1. Uruguay hatte gegen dieselben Gegner nur ein mühevolles 3:2 und ein 2:2-Unentschieden herausgeholt. Brasilien reichte also eine Punkteteilung. Die Mannschaft ging in Führung, musste dann aber den Ausgleich schlucken. Doch mehr schienen die Urus nicht zustande zu bringen. FIFA-Präsident Jules Rimet hatte sich schon den Pokal gegriffen, um ihn der Heimmannschaft zu überreichen. Da passierte es: Der uruguayische Rechtsaußen Alcides Ghiggia erzielte das 2:1. In den restlichen zehn Minuten gelang Brasilien nichts mehr. Uruguay war zum zweiten Mal nach 1930 wieder Weltmeister. Noch im Stadion erschossen sich drei brasilianische Fans. Der Trainer der unterlegenen Elf kam immerhin lebend aus dem Maracaná heraus; allerdings musste sich Flavio Costa dafür als Kindermädchen verkleiden.

Der heute 83-jährige Siegtorschütze erinnert sich: „Nur 3 Menschen“, so Ghiggia, „haben mit einer Bewegung das Maracaná-Stadion zum Schweigen gebracht: Frank Sinatra, Papst Johannes Paul II. und ich.“ In Uruguay war die Freude natürlich riesengroß. Nicht wenige Eltern nannten ihren Neugeborenen Dosauno – auf Deutsch: Zweizueins.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Ein Leben, geprägt von einem Tor, das keins war

Montag, 12. Juli 2010

Er gewann mit Borussia Dortmund 1965 den DFB-Pokal und ein Jahr später den Europacup, in einem denkwürdigen Endspiel gegen den FC Liverpool. Es war das erste Mal, dass einer deutschen Mannschaft ein solcher Erfolg gelang. Doch Hans Tilkowski wurde durch ein anderes Ereignis weltberühmt, über das er auch an seinem heutigen 75. Geburtstag bestimmt wieder Auskunft geben muss.

Der Borussen-Torwart stand im Finale der WM 1966 zwischen jenen Pfosten, die Fußballgeschichte schrieben. Genauer gesagt war es die Unterkante der Latte, die der englische Stürmer Geoff Hurst in der Verlängerung des Spiels England-Deutschland traf und von wo der Ball eindeutig auf und nicht hinter die Linie und von dort wieder ins Feld sprang. Immer wieder musste Tilkowski jene Szene aus der 101. Minute schildern, welche die Gastgeber zu Weltmeistern und die Deutschen, immerhin, zu fairen Verlierern machte. Wäre das Tor auf normale Weise gefallen, würde heutzutage niemand mehr darüber sprechen.

Später wirkte Tilkowski, weniger spektakulär, als Trainer. Immerhin verhalf er dem ruhmreichen, aber schon damals recht erfolglosen 1. FC Nürnberg 1974 zum Wiederaufstieg in die Bundesliga. Vor zwei Jahren wurde Tilkowski mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sein Leben aber hat, wie er immer wieder betont, das Wembley-Tor geprägt.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Nicht nur mit Mineralwasser

Freitag, 2. Juli 2010

Kaum neigt sich die Fußball-Weltmeisterschaft ihrem Ende zu – am Wochenende werden die Viertelfinalspiele ausgetragen – beginnt schon das nächste sportliche Großereignis. Morgen fällt der Startschuss zur Tour de France. 2010 ist es das 97 Mal, dass die Profiradfahrer die große Schleife rund um Frankreich drehen. Begonnen wird sie aber außerhalb der Grande Nation: mit einem Zeitfahren in Rotterdam. Das macht nichts, denn auch die Niederländer sind ein begeistertes Radfahrervolk.

Die letzte Etappe der Tour steigt wie immer in Paris, exakt 3 Wochen und einen Tag nach dem Auftakt. Der große Favorit 2010 ist der Sieger des Jahres 2009: der Spanier Alberto Contador. Gegen ihn wird es Lance Armstrong schwer haben, seinen 7 bisherigen Toursiegen einen achten hinzuzufügen. Die Tour hat leider auch ihre Schattenseiten. „Glauben Sie bloß nicht, diese Leistung sei nur mit Mineralwasser zu erreichen“, sagte bereits Jacques Anquetil (siehe unseren Newsletter vom 4. Juli 2008 „Tour de Trance“), der die Frankreich-Rundfahrt 1957 und dann noch einmal von 1961 bis 1964 insgesamt fünfmal gewann. Damals fanden kaum Doping-Kontrollen statt.

Heute, wo penibler hingesehen wird, fallen öfter Fahrer negativ auf. So durften weder der Gewinner von 2006, Floyd Landis, noch der schon als sicherer Sieger von 2007 gefeierte Michael Rasmussen ihr gelbes Trikot behalten. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, ob der Schreiber dieser Zeilen allen Ernstes glaubt, die diesjährige Toursieger werde frei von Doping (siehe dazu auch die Newsletter-Ausgabe vom 5. März 2007 „Und wenn sie nicht gestorben sind, dopen sie noch heute“) sein. Die Antwort fällt recht knapp aus: Natürlich nicht!

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Die Schande von Gijón

Freitag, 25. Juni 2010

Wenn es bei der Fußball-WM zu den letzten Gruppenspielen kommt, wird oft taktisch vorgegangen. Um vorherige Absprachen und das Orientieren an den Ergebnissen der Konkurrenz zu verhindern, müssen die finalen Spiele einer Vorrundengruppe daher gleichzeitig stattfinden. Ein abschreckendes Beispiel hatten bei der WM in Spanien Deutschland und Österreich geliefert. Nachdem zuvor der Konkurrent Algerien gespielt hatte, trafen die beiden Nachbarn am 25. Juni 1982 im nordspanischen Gijón aufeinander. Nach exakt 11 Spielminuten einigten sich beide Vertreter darauf, alle Kampfhandlungen einzustellen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Horst Hrubesch per Knie ein Tor erzielt, das beiden Teams ein Weiterkommen sicherte. Leidtragender des Nichtangriffspakts war Algerien. Eine Tageszeitung aus dem Land der Geschädigten, El Moudjahid, kommentierte damals: „Niemals ist der Fußball so pervertiert worden wie von den beiden angeblich großen Mannschaften. Niemals hat es auf einer Weltmeisterschaft einen nachhaltigeren Skandal gegeben.“ Die in Gijón ansässige Zeitung El Comercio ließ ihren Kommentar zum Spiel als Polizeibericht erscheinen: „26 deutschsprachige Bürger aus der Bundesrepublik und Österreich haben Betrug von 12 Millionen Pesetas an 40.000 Zuschauern begangen.

Verdächtigt des Betruges sind Jupp Derwall (Beruf: Trainer) und Georg Schmidt (ebenfalls Beruf: Trainer) sowie Schumacher, Stielike, Kaltz, Förster, Briegel, Dremmler, Breitner, Magath, Littbarski, Hrubesch, Rummenigge, Matthäus, Fischer; Koncilia, Obermayer, Krauss, Pezzey, Degeorgi, Prohaska, Hattenberger, Hintermaier, Weber, Schachner und Krankl.“ Die Begegnung ging als Schande von Gijón in die Fußballgeschichte ein.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Eine heroische Niederlage auf dem Feld

Donnerstag, 17. Juni 2010

Deutschland spielt bei der WM erst morgen wieder, gegen Serbien. Zeit also, 40 Jahre zurückzublicken auf eine Fußballschlacht, die bis heute unvergessen blieb. Es ist Mittwoch, 16:08 Uhr: Das Halbfinalspiel im Aztekenstadion zu Mexiko-Stadt ist gerade 8 Minuten alt, und die deutsche Elf liegt durch ein Tor von Roberto Boninsegna bereits mit 0:1 zurück. Es folgt eine Aufholjagd, die bis zur 92. Minute ergebnislos bleibt – weil die Italiener das tun, was sie am besten können: verteidigen.

Da hilft nur, wenn ein deutscher Verteidiger etwas ausprobiert, was ihm sonst nie gelingt: Toreschießen. Ein solcher Versuch gelingt Karl-Heinz Schnellinger in der zweiten Minute der Nachspielzeit. Bittere Ironie für die Italiener: Schnellinger verdient im Alltag seine panini als Legionär beim AC Mailand. Es gibt Verlängerung, für Deutschland die zweite innerhalb von drei Tagen, nach dem 3:2 über die Engländer in der extra time. In der vierten Minute der zusätzlichen Spielzeit dann die Szene des Spiels: Der bis dahin glänzende italienische Torwart Enrico Albertosi bringt seine Abwehrspieler unnötig in die Bredouille. Gerd Müller spritzt dazwischen und bekommt irgendwie den Fuß an den Ball. Es folgt ein Wettrennen zwischen Albertosi und seinem Verteidiger Fabrizio Poletti, die beide auf allen Vieren Richtung Torlinie krabbeln. Sieger ist der Ball, der aufreizend langsam seinen Weg zum 2:1 für die Deutschen fortsetzt.

Doch das ist nicht das Ende. Plötzlich zeigen die Italiener, was sie in der Offensive draufhaben. Der Lohn sind zwei Treffer durch Tarcisio Burgnich und Gigi Riva. Das Spiel ist 109 Minuten alt, aber noch nicht entschieden. Den Deutschen gelingt erneut der Ausgleich, wieder ist Müller der Torschütze, diesmal per Kopf. Doch nur eine Minute später schlagen die Italiener zurück: Gianni Rivera bleibt es vorbehalten, den 4:3-Schlusspunkt zu setzen. Danach habe die Deutschen keine Kraft mehr.

Die Fußballschlacht im Aztekenstadion wird zu einer bitteren, aber auch zur heroischsten Niederlage der Deutschen. Schön, dass sie im Gegensatz zu anderen verlorenen Schlachten des 20. Jahrhunderts auf dem Felddes Sports erfolgte.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Wer wird Weltmeister?

Freitag, 11. Juni 2010

In der Zeit vom 11. Juni bis zum 11. Juli gibt es auch im Smalltalk eine entscheidende Frage. Dieser Newsletter wird sie beantworten – und Ihnen sagen, welche Mannschaft Südafrika in genau einem Monat als Fußballweltmeister verlässt. Der Kreis der Favoriten ist ungefähr so dynamisch wie ein Fünfjahresplan zur Sowjetzeit: In schöner Regelmäßigkeit tauchen die Namen Argentinien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande und Spanien auf. Absichtlich wurde hier die alphabetische Reihenfolge gewählt, um nicht vorschnell eine Tendenz erkennen zu lassen.

Beginnen wir mit Nummer drei und der Erörterung der Frage, warum Deutschland nicht Weltmeister wird: Jogi Löws Elf fehlt es an spielerischer Substanz. Wie oft hat die DFB-Elf in den letzten 10 Jahren (seit August 2000, dem 4:1-Sieg über Spanien) eine der obigen Mannschaften geschlagen? Nicht häufiger, als in derselben Zeit eine Kuh zum Mond geflogen ist. Der Sieg gegen Argentinien im WM-Viertelfinale 2006 kam erst nach einem Elfmeterschießen zustande und zählt offiziell als Unentschieden.

Den am häufigsten als Topteam genannten Brasilianern fehlt es an einem wirklich überragenden Spieler wie auch an der konstanten Klasse sämtlicher Mannschaftsteile: Mal patzt die Abwehr, ein anderes Mal treffen die Stürmer das Tor nicht. Italien und Frankreich bestritten das letzte WM-Finale. Beide Mannschaften sind jedoch überaltert beziehungsweise haben ihren Zenit überschritten. Bei den letzten Vorbereitungsspielen, in der Qualifikation für Südafrika und bei der jüngsten Europameisterschaft zeigten beide Ensembles äußerst dürftige Leistungen.

Zwei andere Favoriten vom selben Kontinent, Spanien und die Niederlande, sind zwar schon Europameister geworden, aber noch nie Weltmeister. Das bleibt auch so. Je länger ein Turnier dauert, desto mehr bauen diese Mannschaften ab. Sie sind wohl zu wenig routiniert, um die – auch nervlich hohe Belastung – bis zum Ende durchzuhalten. Eine Endspielteilnahe ist vielleicht drin, mehr aber nicht.

Wer wird also Weltmeister? Richtig, Argentinien! Die Weißblauen haben die besten Einzelspieler und den schlechtesten Trainer. Der kann ihnen eh nichts mehr beibringen, weshalb Diego Maradona nur als Dompteur funktionieren muss. Und noch einen Vorteil hat die mangelnde Berufsqualifikation des ehemaligen Weltklassespielers: Die Argentinier sind die Bürde des absoluten Favoriten erst einmal los und können unbeschwert auflaufen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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Small Talk über Südafrika

Montag, 7. Juni 2010

Nicht alles muss sich während der WM – sie beginnt am Freitag – um Fußball drehen. Ein schönes Gesprächsthema ist das Gastgeberland dennoch. Reden Sie im Small Talk über Südafrika. Das Land hat weiß Gott nicht nur Fußball zu bieten.

Die Literatur-Nobelpreisträgerin des Jahres 2007 beispielsweise kommt aus Südafrika, ist aber Britin und heißt Doris Lessing. Bereits 1962 hatte die Autorin einen Welterfolg gelandet: Das goldene Notizbuch lautete der Titel Ihres berühmtesten Romans. Auch Christiaan Barnard wurde weltweit gefeiert. Dabei hatte der Mann vom Kap nur etwas vollbracht, was bis dahin allenfalls im Kollegen- und Wissenschaftlerkreis Anerkennung fand: Er hatte einen Patienten erfolgreich behandelt. Freilich war es ein Meilenstein in der Geschichte der Medizin: Barnard hatte 1967 erstmals einem Menschen ein fremdes Herz eingesetzt.

Politik ist nicht wirklich ein Smalltalk-Thema, Nelson Mandela aber wohl. Nach Aufhebung der Rassentrennung wurde er der erste schwarze Staatspräsident Südafrikas. Unter dem Apartheidsregime verbrachte Nelson Mandela 27 Jahre auf der Sträflingsinsel Robben Island. Heute zählt er zu den am meisten geachteten Politikern auf diesem Globus: Er ermöglichte, was niemand für möglich hielt: den friedlichen Übergang vom Unrechtsregime zur heutigen Demokratie in Südafrika. Mögen andere seinem Beispiel folgen.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
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