Der Mann, der seine Schuhe aß
Von seiner ersten Polarexpedition kehrte John Franklin noch lebend zurück. Das war schon ein kleines Wunder, denn nach zwei Überwinterungen im ewigen Eis war die Reise mit zahlreichen Entbehrungen verbunden. Zurück in England, wurde er als „der Mann, der seine Schuhe aß“ zum gefeierten Helden. Die nächste Fahrt ins Ungewisse ließ nicht lange auf sich warten.
Diesmal begab sich Franklin auf die Suche nach der Nordwestpassage: Wie so viele Forscher vor ihm war er überzeugt, es müsse außer der bis dahin bekannten auch eine nördliche Route um Amerika herum geben. Er kam seinem Ziel ziemlich nahe. Mit zwei Schiffen, 104 Begleitern und Vorräten für drei Jahren – darunter 4200 Liter Zitronensaft gegen Skorbut und 8000 Konservendosen mit eingekochtem Fleisch gegen den Hunger – stach er in See.
Zunächst ging alles glatt. Später gerieten die Männer ins Packeis – für erfahrene Polarschiffer kein Problem. Sie überwinterten ein erstes, dann ein zweites Mal. Die Vorräte wurden knapp; Dunkelheit, Kälte, Hunger und die Angst, die Schiffe würden von den gefrorenen Wassermassen zerdrückt, setzten der Mannschaft zu. Selbst im dritten Sommer taute das Eis nicht auf. Franklin gehörte zu den ersten Opfern; er starb an einem Schlaganfall.
Eine dritte Überwinterung war nötig. Danach verließen die Überlebenden ihr Schiff – und rannten in ihr Verderben. Wären Sie doch auf den Schiffen geblieben, die nicht zerbrachen! Oder hätten sie versucht, die Insel, auf der sie überwinterten, östlich zu umsegeln! An dieser Seite taut das Eis regelmäßig auf. Zu Fuß hatten sie keine Chance – auch wegen der Konserven: Die waren mit Blei verlötet worden; Bleivergiftungen waren die Folge. Heute, an seinem 222. Geburtstag, würde John Franklin infolge der Erderwärmung viel bessere Bedingungen als damals vorfinden.
Autor von Small-Talk-Themen.de



15. April 2008 at 10:55
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