Der Mensch, der aus dem Nichts auftaucht

Heute vor 180 Jahren tauchte in Nürnberg ein junger Mann auf, den zuvor kein Bewohner der alten Reichsstadt je zu Gesicht bekommen hatte. „Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren“, schreibt Jakob Wassermann in seinem auf historischen Tatsachen beruhenden Roman Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens.

„Niemand wusste, woher er kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen, denn er war der Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind; nur wenige Worte konnte er deutlich aussprechen, und diese wiederholte er immer wieder mit lallender Zunge, bald klagend, bald freudig, als wenn kein Sinn dahinter steckte und sie nur unverstandene Zeichen seiner Angst oder seiner Lust wären. Auch sein Gang glich dem eines Kindes, das gerade die ersten Schritte erlernt hat: nicht mit der Ferse berührte er zuerst den Boden, sondern trat schwerfällig und vorsichtig mit dem ganzen Fuße auf.“

Um es vorwegzunehmen: Die Herkunft des Findlings konnte nie geklärt werden. Obwohl er einigermaßen lernte, sich auszudrücken, fand er nie Zugang zu einer Bevölkerung, die ihn bestenfalls als Exoten betrachtete, meist aber als eine Art Höhlenmenschenwunder unverhohlen anglotzte. Fünf Jahre lebte Kaspar Hauser – so wurde er genannt – in Nürnberg und Ansbach, bis er auf genauso rätselhafte Weise wieder aus dem Leben verschwand: heimtückisch erstochen von einem Unbekannten, am 17. Dezember 1833.

Um die Existenz Kaspar Hausers knüpfen sich zahlreiche Theorien: Er sei der badische Erbprinz gewesen, der von einer rivalisierenden Thronfolgerlinie aus dem Weg geschafft wurde. So sah sich das Opfer wohl auch selbst. Andere wiederum bescheinigten ihm, ein Lügner und Hochstapler zu sein. In jüngster Zeit versuchten das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, die Stadt Ansbach und das rechtsmedizinische Institut der Universität Münster, die Herkunft Kaspar Hausers per DNA-Probe zu klären. Die Ergebnisse fielen unterschiedlich aus, eine eindeutige Antwort wird es so bald wohl nicht geben. Ich kann Ihnen unterdessen die spannende Lektüre von Jakob Wassermanns Buch empfehlen – oder den Film Jeder für sich und Gott gegen alle von Werner Herzog, auch der ist sehr gut und erhielt bei den Filmfestspielen von Cannes 1975 den Großen Preis der Jury.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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