Die Tagebücher, die die Welt doch nicht veränderten

Heute vor 25 Jahren erfuhren die Deutschen, dass ihre Vergangenheit keineswegs so war, wie sie in Schul- und anderen Büchern dargestellt ist. Verkündet wurde die neue Wahrheit von der Illustrierten Stern. Auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz präsentierte ihr Reporter Gerd Heidemann der staunenden Weltöffentlichkeit eine Reihe Kladden mit schwarzem Einband. Auf jedem Exemplar prangten gleich zwei Siegel, und oben links in der Ecke funkelte goldfarben das Kürzel „F.H.“.

Kein Zweifel: Heidemann hielt die geheimen Hitler-Tagebücher in Händen. Es folgten Gutachten mehrerer Historiker und Schriftsachverständiger – und eine Ausgabe des Stern, in der ihr Chefredakteur Peter Koch vollmundig verkündete: „Große Teile der deutschen Geschichte müssen umgeschrieben werden.“ Nun, mit dem Umschreiben hatte es noch etwas Zeit. Erste kritische Stimmen meldeten sich, unterstützt von seriösen Historikern, die akribischere Untersuchungen anmahnten. Die folgten dann auch, und Anfang Mai gab das Bundesinnenministerium bekannt, bei den Dokumenten handele es sich um eine plumpe Fälschung. Plump, weil das „F.H.“ hätte stutzig machen müssen – standen die Buchstaben wirklich, wie der Stern weismachen wollte, für „Führer Hitler“, wo doch Initialen wie „A.H.“ mehr Sinn ergeben hätten? – und Fälschung, weil die Tagebücher in Wirklichkeit von dem zwar begabten, doch leider bis dato recht erfolglosen Stuttgarter Künstler Konrad Kujau verfasst wurden.

Am Ende war die Bundesrepublik Deutschland um einen Medienskandal reicher, der Stern um 10 Millionen Mark – so viel hatte Heidemann an Kujau gezahlt – ärmer. Kujau erhielt wegen der Fälschung eine mehrjährige Haftstrafe; das an ihn gezahlte Geld ist nie wieder aufgetaucht. Und die Geschichte? Ist aus der ganzen Affäre unbeschadet hervorgegangen. Sie musste nicht umgeschrieben werden.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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