An welche historische Persönlichkeit denken Sie, wenn Sie das Wort ‚Sozialrebell’ hören? Robin Hood gilt nicht, der existierte nur in der Phantasie benachteiligter englischer Landbewohner. Vielleicht Schinderhannes? Ihn gab es tatsächlich. Sein illegales Handwerk übte der im einfachen Volk beliebte Räuber im Hunsrück aus.
Sozial tätig war er nicht. Deshalb jagten ihn Justiz und Behörden als gewöhnlichen Kriminellen und richteten Johannes Bückler – so sein bürgerlicher Name – 1803 in Mainz schnöde hin. Der Sympathie-Vorteil des Schinderhannes: Die Verwaltung im Rheinland der napoleonischen Zeit bestand aus Franzosen. Jene waren als landfremde Besatzer entsprechend unbeliebt. Die reale Existenz Bücklers und das soziale Engagement eines Robin Hoods vereinte ein sizilianischer Rebell: Salvatore Giuliano war ebenfalls in einem sehr ländlichen Gebiet mit armer Bevölkerung tätig, für die er gelegentlich etwas springen ließ. Von der Obrigkeit erwarteten die Insulaner nichts; Sizilien war über Jahrzehnte von der Zentralregierung in Rom vernachlässigt worden. Rückständigkeit und Nachrichtenarmut sorgten dafür, dass sich die Kunde vom mildtätigen Räuber rasch verbreiten konnte. Giuliano wird schon für die entsprechende PR gesorgt haben – mit strategisch dosierten Spenden an Waisenhäuser. Allzu viel von seinem durch Raubzüge und Erpressungen erbeuteten Geld musste der Bandit mit sozialer Neigung auf diese Weise nicht investieren.
Schließlich siegte die Staatsräson über die Sozialromantik: Als die Carabinieri den lange Gesuchten heute vor sechzig Jahren endlich stellen konnten, erschossen sie Giuliano kurzerhand. Eine Legendenbildung konnten die Behörden nicht verhindern. Zum Glück für Italien blieb sie auf Sizilien begrenzt.
Autor von Small-Talk-Themen.de










