Bilder aus einem Land, das es nicht mehr gibt
Es gibt Staaten, die verschwinden einfach von der Landkarte. Russland, über das wir gestern berichteten, war 69 Jahre lang ein Teil der Sowjetunion – bis die UdSSR sich wiederum Ende 1991 auflöste. Das ist keine zwei Jahrzehnte her, und doch kommen uns Bilder aus jener Welt merkwürdig fremd vor: die Bahnstation von Mogson etwa, fotografiert 1970, als sie den 100. Geburtstag des ersten Sowjetherrschers Lenin beging, oder die Moskauer Tretjakow-Galerie mit Exponaten des so genannten sozialistischen Realismus.
Die Bilder hat Daniel Gendre gemacht, ein Schweizer Fotograf, der 1970 die UdSSR bereiste. Erschienen sind sie erst jetzt, unter dem Titel UdSSR, im Offizin Verlag, für 41,50 Euro (Website des Künstlers: www.gendreimage.ch).
Auf den sowjetischen Straßen geht es beschaulich zu, in Einkaufspassagen und an Bushaltestellen, vorm Eisstand oder beim Angeln am Fluss. Die Szenen aus der Breschnew-Ära sind, anders als der voreingenommene Betrachter vermuten könnte, nicht bedrückend. Sie strahlen eher eine Gemütlichkeit aus, wohl auch eine Ruhe und Sicherheit, die heute manchen Russen und anderen früheren Bewohnern der UdSSR abhanden gekommen scheint.
Vielleicht liefern Gendres Bilder ja eine Erklärung dafür, warum in einer Umfrage aus dem Jahre 2003 fast jeder zweite befragte Russe angab, den Menschen sei es unter Breschnew am besten gegangen. 39 Prozent meinten sogar, unter diesem Herrscher hätten sie am liebsten gelebt, und nicht etwa unter den russischen Präsidenten Jelzin oder Putin.
Autor von Small-Talk-Themen.de



10. Juli 2008 at 10:59
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