Hoffnung für die Slawen von nebenan

Morgen bekommt das Bundesland Sachsen einen neuen Ministerpräsidenten. Es wird das erste Mal sein, dass ein Sachse das höchste Amt im Freistaat bekleidet. Bislang taten dies nur Westimporte: Auf den früheren Rektor der Bochumer Ruhr-Universität Kurt Biedenkopf folgte 2002 der Sauerländer Georg Milbradt. Der tritt zurück; sein Nachfolger steht bereit: Es ist Stanislaw Tillich, der am letzten Wochenende zum neuen Landesvorsitzenden der CDU gekürt wurde. Nun ist Tillich nicht nur Sachse, sondern gehört einer Volksgruppe an, die früher im Land an Spree, Neiße und Elbe die Mehrheit bildeten:

Die Sorben sind der einzig überlebende von zwanzig ursprünglich in Sachsen angesiedelten slawischen Stämmen. Ihnen hatte Karl der Große anno 805 in einem Aufwasch mit der Bekämpfung des Heidentums den Garaus bereitet.

Heute sind die Sorben mit 60.000 Angehörigen das kleinste slawische Volk überhaupt. Ihre Heimat liegt zwischen Spreewald und Lausitzer Bergland; sie sprechen eine eigene Sprache, pflegen ihre Identität und achten darauf, dass sie diese nicht verlieren. Dabei müssen sie den Spagat schaffen zwischen Kultur und Folklore: Nur letztere droht übrig zu bleiben, wenn sich die sorbische Tradition in Vorzeigebrauchtum wie Osterreiten und Eierbemalen erschöpft. Dann würden die stolzen Slawen zur begafften Touristenattraktion verkommen und eine zweitausendjährige Geschichte im volkstümlichen Museum zwischen Kitsch und Kommerz enden. Dabei ist die sorbische Kultur in der oberen Lausitz durchaus präsent: Alle Straßenschilder sind zweisprachig. Die mittelalterlich-pittoreske Stadt Bautzen beherbergt sorbische Schulen und Hochschulen, einen sorbischen Verlag, ein sorbisches Theater und sorbische Museen und Kulturhäuser. Das kostet Geld.

Zum Glück ist da noch die Domowina: Der Verband vertritt die Interessen der Slawen von nebenan in einem Deutschland, das – Paradox der Geschichte – die Sorben seit der Wende längst nicht mehr so intensiv fördert, wie dies zu sozialistischen Zeiten der Fall war. Die DDR, stolz auf ihr slawisches Erbe, subventionierte ihre einzige Minderheit, wo sie nur konnte. Die Bundesregierungen seit 1990 haben sich da sehr zurückgehalten. Neue Hoffnung für die Sorben gibt’s ab morgen, wenn einer der ihren sächsischer Ministerpräsident wird.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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