Der Wolfsjunge

Im Jahr 1954 wurde in einem Krankenhaus der nordindischen Stadt Lucknow ein zehn, vielleicht auch zwölf Jahre alter Junge von einem Unbekannten abgegeben. Ramu, wie er bald genannt wurde, konnte weder aufrecht gehen noch sprechen. Die meiste Zeit verbrachte er auf dem nackten Fußboden liegend, nach Hundeart zusammengerollt. Er stieß tierähnliche Laute aus und ernährte sich ausschließlich von rohem Fleisch. Das fasste er nicht etwa mit seinen Händen an, sondern packte es mit den Zähnen. Wasser leckte Ramu aus einer Schüssel. Vielleicht kennen Sie den Film Der Wolfsjunge von François Truffaut?

Die Handlung orientiert sich an einem historischen Fall: 1797 wurde im Wald nahe des südfranzösischen Städtchens Aveyron ein verwilderter Junge entdeckt. Nachdem der Victor genannte Wolfsjunge in die Obhut eines Lehrers und seiner Haushälterin kommt, macht er große Fortschritte. Truffauts Film endet in einem Stadium, in dem es noch Hoffnung gibt.

Im wirklichen Leben stagnierte Victors Entwicklung jedoch seit dem 18. Lebensjahr; er wurde nur 40 Jahre alt. Noch trauriger ist die Geschichte Ramus. Er vegetierte den Rest seines Lebens im Bett dahin. Für das Erlernen einer Sprache war es ohnehin zu spät. Nach Erkenntnissen der Hirnforschung wird, wer bis zum 12. Lebensjahr nicht gesprochen hat, dies auch danach nie tun können. Viele Ärzte, auch aus dem Ausland, bemühten sich um Ramu – vergebens. Am 20. April 1968 starb er im Krankenhaus von Lucknow.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Ein Kommentar to “Der Wolfsjunge”

  1. small-talk-themen.de schreibt dazu:

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