Gelb sorgt für ganz neue Töne

Vor 100 Jahren gründete Wassily Kandinsky in München die avantgardistische Neue Künstlervereinigung. Geometrische Linien waren das Erkennungszeichen des aus Moskau stammenden Künstlers, mit dem die braven Landeshauptstädter zunächst wenig anfangen konnten. Da half es auch nicht, dass Kandinsky gemeinsam mit seinem Freund Franz Marc ausstellte. Dessen blaue und gelbe Pferde hielten selbst die Galeristen für „Sudelzeug“ (siehe unseren Newsletter Blaue Pferde, verwirrende Linienvom 13. November 2008).

Kandinsky sah das natürlich anders: „Gelb“, dozierte er einmal, „beunruhigt den Menschen, regt ihn auf und zeigt den Charakter der in der Farbe ausgedrückten Gewalt, die schließlich frech und aufdringlich auf das Gemüt wirkt. Diese Eigenschaft des Gelbs kann zu einer dem Auge und dem Gemüt unerträglichen Höhe und Kraft gebracht werden. Bei dieser Erhöhung klingt es wie eine immer lauter geblasene Trompete oder ein in die Höhe gebrachter Fanfarenton.“

Offen für solche Farb-Töne war – lange bevor etwa eine große deutsche liberale Partei Gelb und Blau für sich entdeckte – der Galerist Hanns Goltz. Indem er Marcs und Kandinsky Bilder in seinem Salon präsentierte, verhalf er dem Expressionismus in Deutschland zum bis dahin ungeahnten Siegeszug. „Die Kunst“, stellte Kandinsky wohl zu Recht fest, „ist ein kompliziertes Phänomen.“

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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