Richtige Analyse - falscher Schluss?

In das Poesiealbum seiner Tochter Jenny trug er als seine Lieblingstugend „Einfachheit“ ein. Leider war diese ihm, zumindest was seine schriftliche Ausdrucksweise betrifft, nicht immer gegeben. Der erste Band seines Hauptwerks erschien 16 Jahre später als geplant. Das ist wohl auch ein Grund, warum das Buch mit dem blauen Einband meist bis auf das Eingangskapitel ungelesen in den Regalen selbst seiner Anhänger verstaubt.

Der Autor schrieb im Jahr 1851 erleichtert an seinen besten Freund: „Ich bin so weit, dass ich in fünf Wochen mit der ganzen ökonomischen Scheiße fertig bin.“ Nichtsdestotrotz war ihm mit dem Kapital – es sollten noch zwei Folgebände erscheinen – der ganz große Wurf gelungen, der ihm einen Platz im Olymp der größten Ökonomen aller Zeiten einbringen sollte. Selbst seine größten Kritiker räumen ein, dass die gesellschaftliche Analyse auch anderthalb Jahrhunderte nach Erscheinen des Werks so falsch nicht ist. Nur was „Mohr“ – so nannte ihn sein Kumpel Friedrich Engels wegen seiner ungewöhnlich dunklen Gesichtsfarbe – daraus folgerte, fand keineswegs ungeteilte Aufnahme.

Immerhin hat das Buch wie kein zweites die Weltgeschichte beeinflusst und die Grundlage für das oft ausprobierte und vermutlich nicht weniger häufig gescheiterte System des Kommunismus gelegt. Dennoch sollte man das Kapital nicht ohne weiteres auf den Müllhaufen der Geschichte werfen. Die darin geschilderten vier Hauptformen der Entfremdung – die des Arbeiters von seiner Arbeit, vom Produkt seiner Arbeit, von den Produktionsbedingungen und von seinen Arbeitskollegen – bergen auch heute noch den Zündstoff für Arbeitskämpfe und sind mitverantwortlich für soziales Elend.

„Das Kapital“, sagte der Autor, „ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit.“ Heute vor 125 Jahren sagte Karl Marx der Welt, die er verändern wollte, adieu.

Ralf Höller - http://www.small-talk-themen.de
Autor von Small-Talk-Themen.de

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Ein Kommentar to “Richtige Analyse - falscher Schluss?”

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