Bitte nicht die Zeitung von gestern!
2. Mai 2012Stellen Sie sich vor, Sie sind heute zu einer Feier eingeladen. Sie freuen sich auf die vielen Gespräche. Leider haben Sie noch keinen Schimmer, was Sie im Small Talk erzählen könnten. Also schlagen Sie die Zeitung auf. Doch es ist wie verhext: Kein einziges Smalltalk-taugliches Thema findet sich in der ganzen Ausgabe!
Was tun?
Schauen Sie in den Kalender! Morgen ist der Internationale Tag der Pressefreiheit. Da bietet sich die Zeitung selbst als Gesprächsinhalt an. Oder diejenigen, die sie vollpinseln: die Journalisten. Sie könnten ihr Gegenüber im Small Talk fragen, welche Zeitung er morgens liest. Und ob er mit dem Blatt zufrieden ist: Fühlt er sich informiert? Oder regt er sich über das Niveau seines Printmediums auf?
Nach einer Weile können Sie wieder den Internationalen Tag der Pressefreiheit ins Spiel bringen. Mit einem Zitat des berühmten Prager Journalisten Egon Erwin Kisch: „Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt. Er hat unbefangen Zeuge zu sein und unbefangene Zeugenschaft zu liefern.“ Die Vermutung liegt nahe, dass Kisch weder für ein Hochglanzreisemagazin noch für ein reißerisches Boulevardblatt tätig war.
Was aber macht den schlechten Journalisten aus? Die Antwort stammt vom früheren Fernsehmoderator Robert Lembke: Es ist jemand, „der die eine Hälfte des Lebens damit verbringt, über Dinge zu schreiben, von denen er nichts weiß. Die andere Hälfte verbringt er damit, nicht über Dinge zu schreiben, die er genau weiß.“ Der Satiriker Karl Kraus meinte: „Keinen Gedanken zu haben und ihn ausdrücken zu können, macht den Journalisten. Ein besonders schlechter ist derjenige, der nachher alles vorher gewusst hat.“
Autor von Small-Talk-Themen.de


